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#06 Recherche & Vorbereitung: Den Film filetieren für den Trailer-Schnitt

Genau wie beim Spielfilm-Schnitt (oder Schnitt im Allgemeinen) ist auch beim Trailer-Schnitt Organisation der Schlüssel um schnell, effizient und ungehindert kreativ arbeiten zu können! Am Ende wird ein spektakulärer Trailer mit schnellen und eindrucksvollen Bildfolgen entstanden sein, der dem Betrachter den Puls höher schlagen lassen wird…aber am Anfang bereiten wir uns erst einmal geradezu meditativ und gelassen darauf vor und lernen den zu bewerbenden Film in- und auswendig kennen um ihn gut positionieren zu können!

Der erste Schritt beim Trailer-Schnitt ist der wichtigste und von außenstehenden Hektikern gern als der „zeitraubendste“ verkannt. FILM SCHAUEN!
Und zwar so wie es ein Zuschauer auch tun würde (nur ohne Handy nebenbei :P).
Im ersten Durchgang versuche ich Notizen auf ein Minimum zu reduzieren, sondern konzentriere mich 100% auf den Inhalt.

Danach geht es los! Im Folgenden beschreibe ich Euch die Arbeitsschritte nach Lehrbuch zum trailern eines Spielfilmes. Vieles davon lässt sich aufgrund Bearbeitungszeit in der On-Air Promo – wo man es oft mit ganzen Serienstaffeln zu tun hat – nicht zwingend derart detailliert umsetzen aber um „Regeln“ zu brechen sollte man sie kennen…

Der Dialog-Breakdown

Dialog-Breakdown für On-Air Kombi-Trailer

Jeder im Film gesagte Satz (JEDER!) wird zunächst aus dem Material geklammert und als Sub-Clip abgelegt. Diese einzelnen Clips pro Satz werden wie folgt benannt:

Rollen Name“ – „Dialog“
Bsp.:
Marco – Klingt nach einer menge Arbeit!
(…)

Wenn man diese per Textsuche, durchsuchbare Dialogliste vor sich hat, beginnt man mit den folgenden Schritten die Geschichte des Trailers aus den Dialogen zu bauen:

1.: Sätze die, die Story erzählen heraussuchen.
2.: Oft muss man hierzu Sätze „cobblen“, um völlig neue Sätze, welche im Film so nicht gesagt werden, zu bauen.

Bsp.:
Am Anfang des Films sagt die Figur den Satz:

Marco – Klingt nach einer Menge Arbeit!

Und am Ende des Films eventuell diesen Satz:

Marco – Ich hätte niemals gedacht, dass ich mit euch so viel Spaß haben werde.

Für den Trailer können wir dann folgenden Satz (bspw. als Reaktion auf etwas cooles, das wir im Trailer zuvor gezeigt haben) aus diesen beiden Sätzen „cobblen“:

Marco – Klingt nach einer Menge Spaß!

3.: Suchen nach generischen Charakter-Reaktionen „Shout-Outs“ um Momente zu highlighten. Bspw. Neos WOW, nach der Häuserschlucht Action gleich zu Beginn des Matrix-Trailers. – Hier gehts zur Auffrischung zurück zum Artikel!

Der Visual-Breakdown

Visual-Breakdown für On-Air Kombi Trailer.

Der Visual-Breakdown dient dazu die wichtigsten Bilder aus dem Film für den Trailerschnitt zu kategorisieren und ermöglicht später im Schnitt schnellen Zugriff auf das benötigte Material. Hierzu schneidet man sich die jeweiligen Bilder in eine Sammeltimeline pro Kategorie. Der Visual-Breakdown kann in drei Überkategorien eingeteilt werden:

Main-Visuals

Diese Kategorie sieht für jeden Trailer gleich aus. Hier findet man:

Scope-Shots

Das sind alle Bilder aus dem Film, die Größe vermitteln. Totalen von Landschaften, Städten etc. Die sogenannten Wide-Shots eben.

ID-Shots

Imposante Einstellungen von Hauptdarstellern. Schöne Close-Ups beispielsweise oder eindrucksvolle Aktionen. Money-Shots.

Accents

Alles was man akzentuiert auf einen Beat in der Musik oder auf einen Soundeffekt legen kann. Drücken eines Knopfes, Umlegen eines Hebels, Öffnen einer Tür, Schlag auf einen Tisch, hochziehen einer Augenbraue, eindrucksvolle Kopfdrehung, durchladen einer Waffe usw.

Reactions

Schöne Blicke und non-verbale Reaktionen.

Genre-Spezifische-Visuals

Hier kommt alles rein, was sich vom Genre des Films ableitet. Zum Beispiel Slapstick-Gags bei einer Komödie, Fights bei Action, emotionale Momente bei Drama, und Jump – Scares bei Horror.

Film-Spezifische-Visuals

Hier kann man zusätzlich noch Dinge reinpacken, welche eventuell den USP des jeweiligen Filmes abbilden. Bei Harry Potter wären das alle Zaubersprüche und bei Herr der Ringe alle Bilder in denen der Ring zu sehen ist. – Man kann aber auch philosophieren ob der eine Ring nicht auch ein Character ist – dann packt man ihn eben zu den ID-Shots bei den Hauptdarstellern. 😉 Das hier ist nach purem Gusto und ihr könnt das so organisieren wie es für eure Zwecke passt – respektive wie es eure Zeit erlaubt!
Manchmal reicht die Zeit auch nur für schnell gesetzte Marker.

Was hat man davon sich diese Arbeit zu machen?

Im besten Fall den Trailer im Kopf/auf dem Papier fertig zum zusammen bauen!
Hier in dieser Phase entsteht der Trailer!
Was viele nicht verstehen, der Trailer entsteht NICHT beim eigentlichen schneiden/zusammen bauen. Wie der Film selbst entsteht er auf dem Papier! Respektive im Kopf des On-Air Producers/Editors. Die besten Ideen wie man all diese Elemente zu einem spannenden neuem Ganzen – den Trailerzusammenfügt, entstehen in der Zeit, in der man sich beim auseinandernehmen des Filmes eben genau mit diesem Film beschäftigt!Das hat durchaus was sinnliches manchmal!

Durch die filetierten Elemente erhält man schnellen Zugriff auf die einzelnen Bestandteile, so wie man sie für den Trailer braucht, losgelöst von ihrem eigentlichen Kontext im Film. Dekontexturieren ist unumgänglich und Hauptaufgabe im Trailer-Schnitt.

Da der Film nun in seinen Einzelteilen vor uns liegt, schauen wir uns im nächsten Beitrag ein paar Tipps an, wie man aus dem ganzen Rohmaterial das Story-Gerüst baut und vor allem – überhaupt eine Story für den Trailer innerhalb des Materials findet.

Vielen Dank fürs Mitlesen!
Euer Marco