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#02 Grundlagen: Struktur und Aufbau eines Trailers „Es ist die Frage, die dich hergeführt hat, Neo!“

Anhand der Beispiele aus dem ersten Grundlagen-Beitrag wissen wir, welche unterschiedlichen Trailer-Gattungen es gibt. Und wir wissen auch, dass egal welche Länge der Trailer oder der Teaser zu Matrix hatte, die Frage am Ende stets irgendwie „Was ist die Matrix?“ lautete. Die Frage also, welche das Jahr 1999 maßgeblich geprägt hatte. Es ist auch die Frage, welche die Zuschauer am Ende ins Kino gelockt hat.
Und weil es die Frage ist die auch Euch hergeführt hat, schauen wir uns jetzt an, wie die unterschiedlichen Trailer in den meisten Fällen strukturiert und aufgebaut sind!

„Leider kann man nur schwer erklären wie sie aufgebaut sind, man muss es selbst erleben!“ Deshalb im Folgenden ein paar Screenshots von unterschiedlichen Trailer-Timelines (nicht Matrix!).

Film-Trailer

Beim klassischen Film-Trailer mit bis zu 2:25 Minuten Laufzeit hat man es meistens mit einer klassischen 3-Akt Struktur zu tun.

Trailer-Struktur eines 2:25 Minuten langen Film-Trailer.

Akt I: Die Welt des Filmes wird dem Zuschauer vorgestellt, ebenso wie die wichtigsten Figuren des Films.

Akt II: Hier wird der Konflikt der Geschichte erzählt, ebenso werden die wichtigsten Plot-Details der Geschichte gezeigt. VORSICHT(!) Story – Ja, Spoilern – Nein!
Der Zuschauer sollte verstehen worum es prinzipiell geht, respektive sollte er sich die richtigen Vorstellungen machen können und das richtige Gefühl für den Film bekommen.
Man sollte hier weder zu nah am Original erzählen, noch eine völlig andere Geschichte als der Film erzählen. Aber zwischen diesen beiden Limitierungen ist die kreative Spielwiese breiter als man denkt und prinzipiell ist ALLES erlaubt was Spaß macht! Selbst wenn das Storytelling dann im Trailer doch evtl. hier und da mal hinken mag – Hauptsache es ist COOL und unterhaltsam!

Style triumphiert hier oft über Story! – Leider… manchmal aber auch zum Glück!

Deswegen ist es oft gar nicht so leicht zu sagen, ob ein Trailer jetzt wirklich inhaltlich gut und stark war, oder ob er nur irgendwie wild und „flashy“ genug war, sodass man als Betrachter vor lauter überforderter Glückseligkeit mitgegangen ist. Ein guter Trailer ist beides! Er erzählt selbst eine packende Story, funktioniert ein Stück weit autark vom eigentlichen Film und ist gleichzeitig stylisch!

Erzähle eine Geschichte – und erzähle sie so stylisch wie möglich!

Akt III: Hier fährt die Story auf ihren absoluten Höhepunkt und gleichzeitig geht es aus Trailersicht nur noch um Spaß haben! Dicke Musik, stylische Montagen und fetzige Bildfolgen. – Was nach purer Willkür klingt sollte alles sein, bloß NICHT DAS! Hier muss wirklich jedes Frame – und das meine ich wörtlich –sitzen! Neben oft fehlendem Style ist das sogenannte „Polish“*, das woran man sofort einen Amateur-Trailer vom Profi-Trailer unterscheiden kann. Amateur-Trailern mangelt es, neben Style auch oft am Polish!

*Dazu im Verlauf des Blogs mehr!*

Film-Teaser

Bei einem Film-Teaser hat man es dagegen oft mit einem Zweiakter zu tun.

Trailer-Struktur eines 1:35 Minuten langen Film-Teasers.

Akt I: Die Grundstimmung und das Setting des Films werden gezeigt. Das Zentrale Thema des Films oder ein Teilaspekt der Geschichte wird in den Vordergrund gestellt. Es wird nicht viel aus erzählt! Aus Sicht des Films ist die Story höchstens angeschnitten oder angedeutet. Aus Sicht des Teasers selbst ist es ein kleiner Storybogen für einen Teilaspekt des Films. Oft bedienen sich auch TV-Promos der zwei Akt Struktur!

Akt II: Mit einem „großen Knall“ gehts hinten raus, damit der Zuschauer mit einem einprägsamen „Wow – Moment“ aus dem Film zurückgelassen wird. Über den Daumen gepeilt kann man sagen, dass die letzten 30 Sekunden eines Film-Teasers oft genretypisch belegt sind:
Bei einem Action-Film ist es die größte Schlacht oder der actionreichste Moment.
Drama Filme präsentieren hier einen hoch emotionalen Moment.
Komödien einen super lustigen Gag.
Und bei einem Horrorfilm packt man hier den größten Jump-Scare rein.

Tipp: Man kann lahmere Momente aus dem Film mit Trailer-Schnittmitteln aber auch so aufblasen, dass der Zuschauer denkt das ist der größte Bombast-Moment des Films, wohingegen er diesen dann tatsächliche erst im Kino zu Gesicht bekommt. Wenn man wenig gezeigt hat, der Zuschauer aber das Gefühl hat viel gesehen zu haben ist es in der Regel nicht verkehrt!

Phrase: „Alles Gute war schon im Trailer!“ Kann damit oft vermieden werden!

Promo-Trailer

Ein Promo-Trailer bedient sich in seinem Aufbau oft an den gleichen Strukturen wie ein Film-Trailer oder Teaser, mit dem Unterschied, das hier jeder Akt wesentlich kürzer ist.
Die Story ist sozusagen hoch kondensiert -stark vereinfacht- und eingedampft auf die pure Essenz!

Trailer-Struktur eines 30 sekündigen Promo-Trailers.

Der Inhalt der Akte entspricht hier dem der vorangegangen Beispiele. Größter Unterschied ist die Laufzeit. Bei einer Promo kann der erste Akt oder auch die Exposition oft gerade mal 5 Sekunden in Anspruch nehmen, bevor dann für die eigentliche Story weitere 10-15 Sekunden zur Verfügung stehen, um in den letzten 5-10 Sekunden des Trailers nochmal ein kleines Feuerwerk abzufeiern. Insbesondere bei Promo-Trailern ist POLISH(!) das Wichtigste! Hier gibt es keinen Platz für Fehler im Sinne von „Sloppy“ Edits etc. Jedes Frame (wie schon mal erwähnt ich meins wirklich wörtlich!) muss sitzen und poliert sein! Jeder Beat und jeder Akzent in Bild und Ton (Soundeffekte, Musik) müssen sitzen. Alles was im Trailer zu sehen oder zu hören ist sollte aus einem Grund zu sehen oder zu hören sein! Kein Frame darf verschwendet und kein Moment verschenkt werden.

Je kürzer der Trailer, desto weniger Platz kann vergeudet werden!

Wie man diese allgemeinen Akt-Strukturen im Detail mit Leben und Inhalt füllt, schauen wir uns dann in weiteren Beiträgen an. Bis dahin könnt ihr auch gerne eure Lieblingstrailer mal auf diese Strukturen hin untersuchen. Bevor wir aber fürs erste schon wieder fertig sind:
Da wir jetzt soviel Theorie gebüffelt hab – lasst ein bisschen Spaß haben!

Let’s deconstruct the Matrix-Trailer!

Es fehlen eigentlich noch ein paar weitere Grundlagen ABER ich denke an diesem Punkt sind wir fit genug mal ein bisschen tiefer in den Kaninchenbau zu klettern, lasst mal sehen ob wir die drei Akt Struktur im Matrix-Trailer wiederfinden können. Diesmal auch die digital restaurierte Fassung. Versucht als erstes bitte euer Hirn zu Re-Setten auf Frühjahr 1999. Ein paar Monate bevor der bis dahin bahnbrechendste Sci-Fi Film das Licht der Welt erblickt. Bullet-Time – haben wir noch nie gehört. Leute die in Lederkluft mit Sonnenbrillen, böse Computerprogramme vermöbeln – seltsam – können wir gerade gar nix mit anfangen aber klingt schon cool. Die damaligen Wachowski Brüder -heute Schwestern – No names!
Unsere Telefone hängen entweder noch an einer langen Schnur oder sind fast so groß, dass man einen Rucksack für sie braucht. Internet ist meistens noch 56 k/bits schnell und auch sonst ist alles noch so bisschen pre-digital angehaucht. Smartphones und Wi-Fi sind selbst noch Sci-Fi. Und dann präsentiert man uns das:

Matrix (1999) Trailer. (Digital restauriert für BluRay-Release)

Der Trailer beginnt also mit einem super coolen Moment. Da wir den Film aber inzwischen gut kennen, wissen wir das dieser hier bereits ein wenig für maximale Wirkung aufgepustet wurde.

Nachdem der Trailer nun definitiv unsere Aufmerksamkeit hat (es ist immer noch Frühjahr 1999!) beginnt die Story! Nach 13 Sekunden.

Jetzt sind 38 Sekunden vergangen und der erste Akt endet mit der wichtigsten Frage über die man 21 Jahre später noch philosophiert…bitte sagt mir, dass ihr jetzt gerade Beifall klatscht! Nebenbei haben wir die wichtigsten Haupftfiguren gesehen und zunächst alles an die Hand bekommen, was wir brauchen für den zweiten Akt, in dem die Story sich entfaltet.

Im zweiten Akt wird der Gegner eingeführt aber er wird nicht groß erklärt. Aber wir bekommen eine Ahnung, dass es um die Menschheit an sich geht und jemand was gegen uns hat. Coole Action-Montagen unterstreichen das Ganze und am Ende heißt man uns in der „Wirklichkeit“ willkommen. Nach 1:12 Minuten endet der zweite Akt des Trailers und wir wissen jetzt alles was wir wissen müssen und haben die Vorstellung von einer Geschichte erhalten. Übrigens so ziemlich genau zum Midpoint des Trailers ;).

2 Minuten und 15 Sekunden. Und wir wissen worum es grundsätzlich geht, obwohl man uns vergleichsweise wenig erzählt hat. So wirklich, wirklich viel gesehen haben wir eigentlich auch nicht – verglichen mit dem Film – wurden wir nicht gespoilert, haben gefühlt 70% der Filmwelt noch nicht wirklich gesehen und dennoch… Wissen wir, dass die Matrix eine Scheinwelt ist, dass irgendetwas die Menschheit auslöschen möchte und das Neo gekommen ist um die Welt zu retten…nunja böse gesagt… mehr ist es ja auch erstmal nicht.
Am schönsten ist jedoch, dass der Trailer dennoch den Bullet-Time Effekt nicht spoilert obwohl er ihn irgendwie zeigt. Schaut den Film mal nochmal, dann seht ihrs selbst.

Danke fürs Mitlesen!
Euer Marco.

P.S.: Lasst mal kurz noch bisschen Aluhut aufsetzen. Es gab seit jeher in Fan-Kreisen die These dass man Matrix auf unterschiedliche Arten „Lesen“ kann u. A. dass nie so ganz klar wird ob Morpheus Neo wirklich aus der Matrix rausholt oder aber gar erst in sie Hineinführt. Auch wurde oft angezweifelt das die von Morpheus als real verkaufte Welt wirklich der Realität entspricht…schaut mal den Trailer nochmal durch DIESE Brille. Hab euch die entscheidenden Moment oben bei den Bildern mit einem Stern markiert. Zur Morpheus Theorie findet sich einiges im Netz, ihr könnt auch gern auf meinem Kanal in dieser Playliste die Filmanalysen ansehen:
https://bit.ly/2VEZBri

Matrix Filmanalyse.


3 Gedanken zu „#02 Grundlagen: Struktur und Aufbau eines Trailers „Es ist die Frage, die dich hergeführt hat, Neo!“

  1. […] #02 Grundlagen: Struktur und Aufbau eines Trailers „Es ist die Frage, die dich hergeführt hat, Ne… Advertisements […]

  2. […] Werkzeuge des Trailer-Schnitts: Wie man den Zuschauer in den Kinosaal/vor den Fernseher lockt! #02 Grundlagen: Struktur und Aufbau eines Trailers „Es ist die Frage, die dich hergeführt hat, Ne… […]

  3. […] Jeder im Film gesagte Satz (JEDER!) wird zunächst aus dem Material geklammert und als Sub-Clip abgelegt. Diese einzelnen Clips pro Satz werden wie folgt benannt:„Rollen Name“ – „Dialog“Bsp.:Marco – Klingt nach einer menge Arbeit!(…)Wenn man diese per Textsuche, durchsuchbare Dialogliste vor sich hat, beginnt man mit den folgenden Schritten die Geschichte des Trailers aus den Dialogen zu bauen:1.: Sätze die, die Story erzählen heraussuchen. 2.: Oft muss man hierzu Sätze „cobblen”, um völlig neue Sätze, welche im Film so nicht gesagt werden, zu bauen.Bsp.:Am Anfang des Films sagt die Figur den Satz:Marco – Klingt nach einer Menge Arbeit!Und am Ende des Films eventuell diesen Satz:Marco – Ich hätte niemals gedacht, dass ich mit euch so viel Spaß haben werde.Für den Trailer können wir dann folgenden Satz (bspw. als Reaktion auf etwas cooles, das wir im Trailer zuvor gezeigt haben) aus diesen beiden Sätzen „cobblen“:Marco – Klingt nach einer Menge Spaß!3.: Suchen nach generischen Charakter-Reaktionen „Shout-Outs“ um Momente zu highlighten. Bspw. Neos WOW, nach der Häuserschlucht Action gleich zu Beginn des Matrix-Trailers. – Hier gehts zur Auffrischung zurück zum Artikel! […]

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