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Independent Film – Die unterschätzte Nische am Markt mit ungeahntem Zukunftspotential

Film existiert zuweilen in zwei Formen. Es gibt den Film als Kunstobjekt und den Film als Produkt. Der Einklang beider Existenzformen scheint zunächst oftmals nur den „Big Playern“ am Markt vorbehalten zu sein. Es gibt lang existierende Netzwerke aus Sendern, Produktionsfirmen, Förderanstalten und Filmschaffenden, welche nahezu einer eingeschworenen Gemeinschaft ähneln in welche nicht jeder ohne Weiteres Zugang erhält.

Viele Newcomer und Nachwuchsfilmschaffende begehen oft zudem den Fehler aufgrund einer sehr romantischen Vorstellung von Hollywood und der Medienwelt zu verdrängen, dass egal wie künstlerisch wertvoll ihr Filmwerk auch sein mag ein Film immer eine ernstzunehmende Geschäftsangelegenheit sein sollte und somit letztendendes keine reine Kunstform sondern auch ein Produkt mit einem Marktwert darstellt, welches verkauft werden möchte.

Genau in diesem Punkt steht der Film- und Fernsehlandschaft ein Wandel bevor und so wird es in der nahen Zukunft nicht nur ein noch größeres Angebot an Independent Filmen geben, Nein, es wird endlich auch eine adäquate Vermarktungsmöglichkeit für frei produzierte Filme ohne Verleih und Senderzugehörigkeit aufkommen.

Online-Streaming als Marktplatz für Kunstschätze – Und warum es keine Zweifel gibt

Das Jahr 2003 andere Zeit, andere Branche. Es ist das Jahr in welchem für Computer Gamer der lang ersehnte Titel „Half Life 2“ des Spielentwicklers Valve endlich auf dem Markt erscheint. Klassisch stehen in den Retail Regalen die Spielhüllen mit einem DVD-Datenträger (ein CD-ähnliches Medium welches Anfang der 2000er Jahre überwiegend zur Mediendistribution verwendet wurde).

Nach der Installation des Spiels die Überraschung – das Spiel verlangte einen sogenannten Steam-Account um sich beim Hersteller zu registrieren und die finalen Daten für eine vollständige Installation vom Server laden zu können. Dies sorgte seinerzeit für großen Unmut unter den Anhängern der Half Life Reihe, war jedoch die erfolgreiche Geburtsstunde eines neuen Distributions-Ökosystems für Computerspiele das heute aus dem Spielemarkt nicht mehr Wegzudenken ist und den Online-Distribution Sektor für Games dominiert- STEAM.

13 Jahre Später, das Jahr 2016. Die Spielebranche ist im Bereich Online-Distribution längst erwachsen geworden, aber wie sieht es in anderen Branchen aus? Die Grabenkämpfe zwischen der Musikindustrie und den illegalen Musikdownloadplattformen scheinen ebenfalls beigelegt und dank Spotify und Co. befriedet – da obsolet. In dieser Hinsicht scheinen Film und Musikindustrie näher miteinander verwand zu sein, denn auch für Filme ist das Online-Streaming in der breiten Masse der Konsumenten angekommen. Allerdings lernt und adaptiert die Filmbranche die wichtigsten Bausteine der Online-Distribution gerade erst noch – die Schaffung eines Distributions-Ökosystems Vorreiter hierbei Netflix, dicht gefolgt vom scheinbar ärgsten Konkurrenten Amazon Prime.

Und was ist nun der Punkt? Nun ein kurzer Blick zurück auf STEAM im Game Sektor offenbart einem im Store nicht nur eine Fülle an bekannten Spieltiteln namhafter Publisher welche sich auch in jedem gut sortierten Fachhandel finden, denn das Angebot wird ergänzt durch eine mindestens genauso umfangreiche Auswahl an independent Titeln von kleinen unabhängigen Spielentwicklern.

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Diese Independent Titel sind auch überwiegend  für das STEAM eigene Betriebssystem verfügbar – Stichwort Ökosystem. Was 2003 als lästige Kopierschutzmaßnahme begann ist inzwischen ein Online-Store, eine Community, eine Betriebsplattform, ein Software-Reseller sowie Hardwarehersteller für eigene system-gebundene Konsolen und Game Controller. Exklusiver Content im harmonischem Einklang mit akquirierten Titeln der „Konkurrenz“ vereint auf einer Plattform welche in der Lage ist das stetig stärker werdende „On-Demand“-Verhalten der Consumer zu befriedigen. Und genau dies wird nach und nach von Netflix und Co. übernommen. So finden sich auf Netflix eben-falls die Kategorie „Independent-Filme“, als auch der Bereich für Lokalkolorit „Deutsche Filme“ mit seinen zwei Subgenres die Komödie und das Drama – welches sich bereits erahnen lässt…

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Denn wer füllt nun den Subgenre-Reiter der deutschen Filmsparte mit einem breit gefächertem Angebot an Content? Die Stoßrichtung der Streamingportale ist klar: Lokaler Content soll sowohl im Auftrag produziert als auch verstärkt akquiriert werden. So hat Netflix die erste deutsche Serie mit dem Titel „Dark“ in Auftrag gegeben. Eine Mystery-Genre Serie im deutschen Setting, Regie führt Baran bo Odar der bereits mit „Who am I – Kein System ist sicher“ einen deutschen Genre Erfolg im Kino vorweisen kann. Auch Amazon Prime setzt auf lokalen Content und wird 2017 mit „Wanted“ ebenfalls eine deutsche Genre Serie von Matthias Schweighöfer ins Programm nehmen. Dies alles ist der Anfang, es sind Piloten – allerdings ist der Trend erkennbar. Als Filmschaffende von Morgen müssen wir die Zeichen von Heute erkennen und nutzen.

Belebende Impulse als Chance für die Wirtschaftlichkeit des Films

Mit einem vergrößertem Marktplatz mit hoher Reichweite erhöhen sich die Chancen für alle beteiligten. Nehmen wir zum Beispiel einen Debütfilm. Das Erstlingswerk vieler angehender Regisseure wird zwar oftmals über die Förderanstalten gefördert, allerdings gibt es nur selten eine adäquate Vermarktungsmöglichkeit um die Ausgaben wieder einzuspielen, da diese Debütfilme sofern sie es überhaupt deutschlandweit ins Kino schaffen nicht stark genug promotet sind um das nötige Einspiel zu generieren. Meine These an dieser Stelle ist, dass es da Draußen eine große Anzahl an nahezu ungesehenen Filmen gibt, denen die Plattform fehlt.

„Wer sich diese Filme im Fernsehen oder Kino nicht ansieht, wird sie auch Online nicht konsumieren!“

Falsch!

Online bietet weitaus flexiblere Möglichkeiten Independent-Content an den Konsumenten heranzutragen. Es gibt Anlehnungen an Lineares-TV Verhalten und es gibt Formen der Programmplanung. So gibt es auf Amazon Prime Modellversuche mit aus Linear bekannten Themenabenden. „Blockbuster-Friday“ – Am Freitag Abend kann der Consumer sich aus einem zusammen-gestellten Paket an Filmen für einen kleinen Betrag von -,99 Cent pro Titel einen Blockbuster aussuchen und diesen 24 Stunden lang genießen und so halbwegs frei seinen Freitagabend Blockbuster bestimmen. In so einem Paket finden sich Filme unterschiedlicher Bekanntheitsgrade und es werden gerne auch mal sogenannte „B-Movies“ mit eingestreut.

Netflix verfolgt im Kern eine andere Philosophie als Amazon allerdings lohnt ein Blick auf den Reiter „Ähnliche Titel“ der sich interaktiv an angesehenen Formaten orientiert und so dynamisch Pakete anbietet, die für den jeweiligen Consumer interessant sein könnten. Dahinter steckt ein lernender Algorithmus, welcher das Zuschauer verhalten tracked und das Angebot immer besser auf den jeweiligen User zuschneidet. Dieser Algorithmus hat auch einen X-Faktor der hin und wieder Titel einstreut, welche nicht dem gewöhnlichen Geschmack des jeweiligen Zuschauers entsprechen, um einen Anreiz zum ausprobieren zu geben.

Warum also nicht einem Konsumenten, der sich „Der Pate“ und „Gomorrah“ ansieht unter „Ähnliche Titel“ einen deutschen independent Mafia Genre-Film gleich mit anbieten?

Dieser Artikel bezieht sich sehr punktuell auf einen Teilbereich des Themas und es gibt mehr dort draußen als Netflix und Amazon. Auch sind viele Zusammenhänge hin und wieder komplexer, aber unterm Strich bleibt: Online-Streaming – Eine Chance für den deutschen Independent Genre Film aus der Nische zu treten, gesehen zu werden und sich wirtschaftlich zu entwickeln, denn Content is everywhere und die Nachfrage wird immer größer als das Angebot sein.

*Alle verwendeten Bilder sind Screenshots welche im März 2016 von den jeweiligen Plattformen gemacht wurden.

Autor: Marco Zanoni  01.03.16

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